Liebe Freunde,
Menschen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, deutlich anders zu leben, als es der gesellschaftlichen Norm entspricht, interessieren mich immer. In gewisser Weise verkörpern sie das Thema dieses Substacks: Spielen macht uns menschlich. Sie haben sich dafür entschieden, die Kontrolle über ihr eigenes Leben und über ihre eigene Art, Freude und Sinn zu finden, so weit wie möglich selbst zu übernehmen. Jede dieser Geschichten ist einzigartig. Sie soll nicht nachgeahmt werden, kann uns aber dazu anregen, darüber nachzudenken, wie wir selbst leben möchten. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, vor der Veröffentlichung einen Entwurf von Blake Boles’ neuem Buch Dirtbag Rich lesen zu dürfen, in dem er das von ihm gewählte Leben beschreibt. Danach lud ich ihn ein, für Play Makes Us Human eine Kurzfassung zu schreiben. Hier ist sie. Falls dich das, was du hier liest, neugierig macht, solltest du das Buch lesen. Hier findest du verschiedene Möglichkeiten, es zu kaufen.
Blakes Geschichte
Hallo, ich bin Blake.
Ich bin weder reich noch berühmt.
Ich besitze weder ein Haus noch ein Auto, bin nicht verheiratet und habe weder ein Kind noch einen höheren akademischen Abschluss oder einen angesehenen Titel.
Mir fehlt vieles, was andere Menschen in meinem Alter besitzen.
Was ich dagegen habe, ist meine eigene kleine Version des guten Lebens: ein Leben voller Freiheit, Natur, Reisen, Abenteuer, Romantik und Freundschaft.
Seit fast zwei Jahrzehnten arbeite ich jedes Jahr nur wenige Monate. Die übrige Zeit verbringe ich mit Lesen, Schreiben, Wandern, Radfahren, Tanzen, Denken, Reisen, Träumen und Gesprächen.
Ich werde weder von meiner Familie noch vom Staat finanziert. Ich habe auch kein Unternehmen verkauft, an der Börse ein Vermögen gemacht, einen viralen Interneterfolg gelandet, mit menschlichen Organen gehandelt oder einen Onlinekurs belegt, der das eine Geheimnis enthüllt, mit dem alle deine finanziellen Träume wahr werden.
Stattdessen habe ich eine Form von Arbeit gefunden, die mir wirklich Freude macht. Arbeit, die Gutes bewirkt, gut bezahlt wird und mein Leben nicht vollständig in Beschlag nimmt.
„Gefunden“ ist eigentlich nicht das richtige Wort. Ich bin in diese Arbeit hineingestolpert, habe herumexperimentiert und mich mit Charme in sie hineingefunden. Jahr für Jahr mache ich das alles wieder. Nichts ist garantiert, aber genau das gibt mir Energie.
Ich habe keinen festen Wohnsitz. Zu verschiedenen Zeiten passte mein gesamter Besitz in einen kleinen Lagerraum, in den hinteren Teil eines Autos oder in ein paar Kunststoffkisten. Wenn ich des Umherziehens müde werde, lasse ich mich für einige Monate oder länger an einem Ort nieder. Dann packe ich wieder zusammen und ziehe weiter, auf der Suche nach den Menschen, der Natur und den Tätigkeiten, die mir am meisten bedeuten. Kein einzelner Ort besitzt mein Herz. Ich bin geografisch polyamor.
Beziehungen sind mein erstes Sicherheitsnetz. Gute Gesundheit ist mein zweites. Ersparnisse sind mein drittes.
Ich verdiene vielleicht nicht viel. Verglichen mit meinen Ausgaben ist es jedoch eine Menge.
Ich bin nicht im herkömmlichen Sinne reich. Ich bin dirtbag rich.
Um Geld zu verdienen, unternehme ich über mein kleines Reiseunternehmen internationale Reisen mit Jugendlichen, halte gelegentlich Vorträge für alternative Schulen und Homeschooling-Konferenzen und veröffentliche Bücher über Selbstbestimmtes Lernen.
Arbeit ist mir wichtig. Ich wollte nie zu einem Schmarotzer oder Hochstapler werden. Doch eine brutale, mehrere Jahre dauernde Quarterlife-Crisis zeigte mir, dass eine gewöhnliche Anstellung einfach nicht zu mir passen würde. Ich wurde mitten in der Finanzkrise von 2008 erwachsen. Während meine Altersgenossen froh waren, irgendeine Arbeit anzunehmen, rannte ich mit aller Kraft in die entgegengesetzte Richtung. Zwei Jahrzehnte später renne ich noch immer – allerdings auf einem wunderschönen schmalen Naturpfad statt auf dem üblichen Laufband, auf dem Vermögen und Status angehäuft werden.
Für mich bedeutet es, dirtbag rich zu werden, ein magisches Gleichgewicht zwischen Zeit, Geld und Sinn zu finden:
Zeit: Ich bin fest entschlossen, die Kontrolle über meinen Tag, meine Woche und mein Jahr zu behalten. Das kann bedeuten, regelmäßig in Teilzeit zu arbeiten, intensiv, aber saisonal zu arbeiten oder einer ansonsten gewöhnlichen Beschäftigung nachzugehen, die längere Auszeiten ermöglicht. Entscheidend ist, flexibel und selbstbestimmt zu bleiben und selbst vom leisesten Hauch ewiger Knechtschaft sehr, sehr weit entfernt zu sein.
Geld: Im Verhältnis zu meinem Aufwand möchte ich einen beträchtlichen Betrag verdienen, sei es durch einen hohen Stundenlohn, große Honorare nach großen Aufträgen oder irgendeine Form des sogenannten passiven Einkommens, damit ich flexibel bleiben kann. Das funktioniert jedoch nur, wenn ich zugleich meine Ausgaben niedrig halte. Indem ich bewusst mit einem geringeren Einkommen auskomme, kann ich die großzügig bemessene freie Zeit genießen, die ich brauche, um meinen Leidenschaften zu folgen. Es wirkt widersprüchlich, aber ich bin gleichzeitig „hoch bezahlt“ und habe ein „niedriges Einkommen“.
Sinn: Schließlich suche ich sowohl in meiner bezahlten Arbeit als auch in meinen Freizeitbeschäftigungen nach tiefer Bedeutung. Ich verschiebe Sinn nicht auf das Wochenende oder den Ruhestand. Tag für Tag tue ich, was mich bewegt, ob ich dafür bezahlt werde oder nicht. Welchen besseren Grund könnte es geben, sorgfältig mit der eigenen Zeit und dem eigenen Geld umzugehen?
In einem typischen Jahr leite ich ein oder zwei Programme. Insgesamt sind das vier bis acht intensive und erfüllende Wochen im direkten Kontakt mit jungen Menschen, zuzüglich ein wenig Vorbereitung am Laptop. Zwei Wochen lang arbeite ich beim Not Back to School Camp, halte einige Vorträge für Eltern und Workshops für Jugendliche, und … das war’s! Über das Jahr verteilt entspricht das etwa 15 Stunden gezielter „Arbeit“ pro Woche. Hier findest du eine vollständige Aufschlüsselung, womit ich wie viel Geld verdient habe.
Was mache ich mit den übrigen Stunden des Tages und Wochen des Jahres?
Ich gehe Paartanzen, unternehme lange Wanderabenteuer und Fahrradtouren und betreibe Trailrunning.
Ich lese unersättlich, schreibe ständig und lerne immer mehr über Geschichte, Wirtschaft, Bildung, Politik, Psychologie, Soziologie und Spiritualität. Manchmal entstehen daraus Bücher, mit denen ich Geld verdiene. Meistens nicht.
Ich besuche Familie und Freunde, pflege neue Kontakte durch Tanzen und Couchsurfing und übernehme im Allgemeinen die Rolle „desjenigen, der den Kontakt aufrechterhält“.
Ich reise, nicht länger auf der Suche nach Neuem, sondern um an die Orte zurückzukehren, mit denen ich tief verbunden bin: den gebirgigen Westen der USA, Argentinien, Neuseeland und Westeuropa. Meist geht es eher um die Menschen als um den Ort.
Nicht alles ist rosig. Beziehungen sind ohne festen Wohnsitz eine Herausforderung. Ich arbeite gern mit den Kindern anderer Menschen, habe aber zutiefst widersprüchliche Gedanken dazu, eigene großzuziehen. Auf meinen Körper kann ich mich nicht uneingeschränkt verlassen. Und sich die ferne Zukunft vorzustellen, ist nicht so einfach wie: „Bequem in einem vollständig abbezahlten eigenen Haus in den Ruhestand gehen.“
Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum ich Dirtbag Rich geschrieben habe: Ich möchte die widersprüchlichen Anforderungen, Ängste und Kompromisse erklären, die mit dieser Lebensweise einhergehen. Außerdem wollte ich das Leben anderer Menschen dokumentieren, die ebenfalls dirtbag rich sind. Dazu gehören Menschen mit Kindern, Menschen, die Dreck nicht besonders lieben, und Menschen, die unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind. Sie alle haben ein magisches Gleichgewicht zwischen Zeit, Geld und Sinn gefunden, ohne auf das Geld ihrer Familie angewiesen zu sein oder die praktischen Herausforderungen bei der Finanzierung von Wohnung, Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung und Altersvorsorge zu vernachlässigen. Falls du dich fragst: „Dirtbag“ ist in der Outdoor-Gemeinschaft eine liebevolle Bezeichnung für Menschen, die dem folgen, was sie glücklich macht, mit sehr wenig Geld leben und das Hamsterrad ablehnen.
Doch der wichtigere Grund ist dieser: Es gibt unzählige verschiedene Möglichkeiten, erwachsen zu werden, und junge Menschen brauchen Vorbilder. Mit Anfang zwanzig fand ich nur wenige aufrichtige Menschen, an denen ich mich orientieren konnte. Verzweifelt suchte ich nach den Stimmen derjenigen, die ein wirklich „alternatives“ Leben führten und bereit waren, offen und ehrlich darüber zu sprechen, wie sie der herkömmlichen Erzählung entkommen waren. Nun, da mir das auf meine eigene merkwürdige und eigenwillige Weise gelungen ist, möchte ich selbst etwas beitragen.
Bücher sind nicht so schillernd oder viral wie ein professionell gestalteter YouTube-, TikTok- oder Instagram-Account. Dennoch verschaffen sie einem in unserer Kultur Respekt. Wenn du als junger Mensch deine Freunde oder deine Familie davon überzeugen möchtest, dass du weit außerhalb der Norm leben kannst, im Namen von Freude, Authentizität und deiner psychischen und körperlichen Gesundheit, gibst du ihnen am besten ein Buch in die Hand.
Letztlich spielt es keine große Rolle, ob du „innerhalb“ oder „außerhalb der vorgegebenen Schublade“ lebst. Entscheidend sind die Tiefe und Qualität deiner Beziehungen, wie viel Gutes du in der Welt bewirkst, ob du regelmäßig dem folgen kannst, was dich glücklich macht, und ob du, falls dich heute ein Bus überfahren würde, glücklich sterben könntest.
Welchen Weg du auch gehst: Viel Freude auf deinen Pfaden. 𖤓
Blake
Abschließender Gedanke
Danke, Blake. Es erfordert Mut, ein Leben außerhalb der Norm zu führen. Andererseits braucht es immer Mut, gut zu leben, ob innerhalb der Norm, außerhalb von ihr oder an ihrem Rand.
Und nun interessiert mich deine Reaktion. Sind die Grundprinzipien, mit denen Blake sein Leben anhand von Arbeit, Zeit, Geld und Sinn beschreibt, auch dafür relevant, wie du dein Leben beschreiben würdest, so sehr es sich auch von seinem unterscheiden mag? Für mich besteht die wichtigste allgemeine Lehre aus Blakes Geschichte darin, das Leben bewusst und selbstbestimmt zu führen: Entscheidungen darüber zu treffen, wie wir leben möchten, und sie anschließend mutig in die Tat umzusetzen.
Noch einmal: Weitere Möglichkeiten, Dirtbag Rich zu kaufen, findest du hier.
Mit Respekt und besten Wünschen,
Peter
Quelle und Übersetzung
Original: #108. One Man’s Choice of an Unconventional Life, veröffentlicht am 2026-03-31. Einleitung und Schluss: Peter Gray; Gastbeitrag: Blake Boles.
Deutsche Übersetzung: Max Sauber. Peters Text mit ausdrücklicher Erlaubnis von Peter Gray; Gastbeitrag mit ausdrücklicher Erlaubnis von Blake Boles.







